Die Gründung der Lübecker Hafen-Gesellschaft mbH

Im 19. Jahrhundert hatte Lübeck um seine Stellung als Ostseehafen hart zu ringen. Nicht allein die Konkurrenz durch Stettin (seit etwa 1870) setzte der Hansestadt zu, auch der Bau des Nord-Ostsee-Kanals (1887 - 1895) schadete Lübeck und eröffnete den Nordseehäfen Hamburg und Bremen einen direkten Zugang zu den Handelsrouten in der Ostsee. Der Bau des Elbe-Trave-Kanals (1895 - 1900) verhieß für Lübeck nur eine ungenügende Kompensation. Weitere Schwierigkeiten, mit denen die lübeckische Hafenwirtschaft zu ringen hatte, lagen in der Organisation: Die Verlader beklagten sich über schleppende Abfertigung und ungünstige Kostenstrukturen. Diese Zustände führten u. a. zur Abwanderung einiger Reedereien nach Hamburg und Bremen.

Die Gründe für eine derartige Entwicklung lag vor allem in den historisch gewachsenen, doch mittlerweile recht verschachtelten Zuständigkeiten in den lübeckischen Häfen: Der Stadt unterstanden Umschlagplätze und Kräne. Die Lübeck-Büchener-Eisenbahn betrieb die Hafenbahn. Vor allem aber engagierte sich die Handelskammer, denn ihr gehörten Lagerhäuser, Schuppen und eine eigene Schlepperflotte. Diese weitreichenden Aufgaben und Kompetenzen hatte die Kammer 1853 von ihren Vorgängen, den kaufmännischen Korporationen, übernommen. Im Zuge eines nunmehr anstehenden Strukturwandels war man in den zwanziger Jahren nur schwerlich in der Lage, die notwendigen Investitionen vornehmen zu können. Seit 1929 musste die Handelskammer die Stadt am Betriebsergebnis des Hafens beteiligen. In der Weltwirtschaftskrise ging zudem der Umschlag erheblich zurück (1932: 906000 ts, vgl. 1913: 2 Mio. ts).

Im Oktober 1933 richtete deshalb eine "Arbeitsgemeinschaft der Lübecker Hafen-Interessenten" einen "Dringlichkeitsappell" an die politisch Verantwortlichen sowie an die Handelskammer, die unbefriedigenden Verhältnissen im Hafen zu verbessern. Diese Anregung führte schließlich am 16. Juli 1934 zu einem gemeinsamen Beschluss von Stadt und Kammer, eine neue Betriebsgesellschaft für den Hafen aus der Taufe zu heben. Zehn Tage später wurde der Gesellschaftervertrag der neugegründeten Lübecker Hafen-Gesellschaft mbH (LHG) unterzeichnet. Das Stammkapital betrug 25.000 RM. Davon fielen 16.000 RM auf die Hansestadt Lübeck, 6.000 RM auf die Kaufmannschaft bzw. Handelskammer und 3.000 RM auf die Lübeck-Büchner-Eisenbahn. Am 14. September erfolgte die Eintragung der LHG in das amtliche Register, doch erst Neujahr 1934 symbolisierte den Neubeginn. Ziel des neuen Unternehmens war die Überwindung der bisherigen verschachtelten Vertriebsführung zugunsten einer besseren Überschaubarkeit und dadurch einer Verbilligung der Dienstleistungen. Der kritischen Bestandaufnahme folgten alsbald praktische Schritte. Am 25. Januar 1935 übernahm die LHG die Regie über die drei Handelskammer-Schlepper TRAVEMÜNDE, TRAVE und LÜBECK, ebenso über den von der Kammer bisher verwalteten Monopolschleppbetrieb auf dem Elbe-Trave-Kanal (mit den Schleppern TRAVELMANN, DELVENAU und STECKNITZ), Ein Betriebsüberlassungsvertrag vom 30. April 1955 regelte die Bewirtschaftung der übrigen Hafenanlagen, die der Kaufmannschaft gehörten, durch die LHG. In einem weiteren Abkommen von August desselben Jahres überließ die Stadt ihre Einrichtungen im Hafen der LHG. Am 30. Juni 1936 wurde außerdem die Hafenbahn von der Lübeck-Büchener-Eisenbahn erworben.

Hatte man mit diesen einzelnen Schritten die Bewirtschaftung vereinheitlicht, so strebte man die LHG danach, in den Besitz sämtlicher Vermögenswerte zu gelangen. Am 31. August 1938 war auch dieses Ziel erreicht, als die Handelskammer (seit 1937 Industrie- und Handelskammer, mit Zuständigkeit auch für das Gebiet zwischen der Elbe und der Insel Fehmarn) sämtliche Hafenbetriebseinrichtungen und die Schlepper für 175.000 RM an Lübeck verkauft. Damit war die Hansestadt nunmehr zum einzigen Gesellschafter der LHG geworden.

Im Rahmen dieser mühevollen, aber entscheidenden organisatorischen Weichenstellungen leitete die LHG noch im Jahre 1937 ein Sofortprogramm zur Modernisierung ein: Neue Schuppen und Lagerhallen entstanden, auch die Kräne wurden modernisiert, neue Gleisanschlüsse für die Hafenbahn gelegt und bei Kriegsausbruch 1939 befand sich ein neues Getreidesilo im Bau. Diese Veränderungen führten zur Einrichtung neuer Liniendienste ab Lübeck und die Reederei Werner Peters zog mit ihrer Flotte von zehn Schiffen von Hamburg an die Trave um. Die erfolgreichen Maßnahmen der LHG erforderten umfangreiche Investitionen. Am 12. März 1937 wurde deshalb das Stammkapital von 25.000 auf 67.000 RM, am 6. Dezember 1940 schließlich auf 100.000 RM erhöht.

Eine Hafenbetriebsordnung regelte 1939 die genauen Zuständigkeiten der LHG, außerdem deren Zusammenarbeit mit den Ämtern der Stadt. Bei der organisatorischen Neuordnung der Lübecker Hafenverhältnisse war somit der privatwirtschaftlichen Betriebsführung der Vorzug gegeben worden. Die Alternative einer staatlichen Hafenbehörde war zwar auch geprüft, aus Gründen der wirtschaftlichen Effizienz aber wieder fallen gelassen worden.

1937 war Lübeck seiner Eigenstaatlichkeit verlustig gegangen und von Preußen übernommen worden, das daraufhin um die Übernahme einer Teilhabe von 50 % an der LHG ersucht wurde. Am 24. Februar 1941 wurde ein entsprechender Vertrag unterzeichnet. Doch inzwischen war der Krieg ausgebrochen, der die Früchte der Friedenszeiten geleisteten Aufbauarbeit in Frage stellte.

 Christian Ostersehlte