Die Geschichte des Holzumschlages von 1850 bis 1918

Die Geschichte des Holzumschlages von 1850 bis 1918

Sieht man sich die Geschichte des Holzumschlages im Lübecker Hafen, die Lübeck zum wichtigsten und größten Holumschlagplatz Deutschlands und des Ostseeraumes führte, in seiner Gesamtheit an, so muss der Betrachter von zwei unterschiedlichen und sich überschneidenden Entwicklungsphasen ausgehen:

1. Lübeck als Holzexporthafen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, 
2. Lübeck als Holzimporthafen mit den Anfängen im 18. Jahrhundert

In der Begrenzung diese Aufsatzes auf den Holzumschlag im Zeitraum von 1850 bis 1918 muss das wichtige Kapitel des Holzexportes entfallen. In dieser früheren Zeit wurden einheimische Hölzer unter Umgehung der Lübecker Kaufmannschaft über den Lübecker Hafen ins Ausland exportiert. Diese Phase des Holzumschlags reichte bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts und endete erst, als die Waldbestände des Lübecker Umlandes beträchtlich in ihrem Bestand bedroh waren.

Diese gegensätzliche Entwicklung zwischen Holzexport und Holzimport vollzog sich nicht plötzlich und anfänglich auch nicht planmäßig. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wandten sich Lübecker Kaufleute stärker dem Holzeinfuhrgeschäft zu. Es vergingen aber noch rund hundert Jahre, ehe sich ab ca. 1870 ein reiner Holzimport als Spezialgroßhandel herausbildete. Bis dahin führten viele Außenhandelskaufleute nordisches Holz als Nebenartikel in ihren Handelskontoren.


Der Holzimport von 1850 bis 1918

Von 1845 an begann der Lübecker Holzimport lebhaft zu steigen. In fünfzehn Jahren hatte er sich verdoppelt. Als nach 1850 in Deutschland mit dem zunehmenden Wohnungsbau und der einsetzenden Industrialisierung die zeit des Massenverbrauchs für Holz begann, war für die Stadt die große Chance gekommen. Lübeck entwickelte sich in diesem Umschlagsbereich stetig weiter und wurde bis zum Ende des Jahrhunderts zum größten Holzumschlagplatz Deutschlands und des gesamten Ostseeraums.

In diesem Zeitraum bis 1900 liegen die Gründungsjahre der ältesten noch bestehenden oder aus der jüngeren Vergangenheit bekannten Lübecker Holzgroß- und Importhandlungen, dies sind namentlich: Gossmann & Jürgens (Gegr. 1830); Joachim Frank (1841); W. Brügmann & Sohn (1848 in Dortmund, 1874 - Niederlassung Lübeck); Deecke & Boldemann (Holzagentur, 1862); J. H. Havemann & Sohn (1733, Umstellung auf den reinen Holzspezialhandel bis ca. 1870); Emil Meyer (1873), fortgeführt von der Fa. L. & C. Krages GmbH; Saager & Klüstmann (1875) Friedrich Evers (1885), hervorgegangen aus der FA. J. F. Wennberg.

Ausschlaggebend für diese Entwicklung zum führenden Holzimporthafen waren neben dem gestiegenen Holbedarf ab 1850, die geänderte Infrastruktur Lübecks und seines Umlandes. Bezog sich das Absatzgebiet bis 1850 auf die Räume Lübeck, Hamburg und die mit Pferdefuhrwerken oder auf Binnenschiffen auf der Trave von Oldesloe bis Dassow und über die Wakenitz erreichbaren Gegenden, änderte sich diese Situation 1851 mit der Eröffnung der Lübeck - Büchener Eisenbahn komplett. Lübeck wurde an das deutsche Eisenbahnnetz angeschlossen und hatte nun unbegrenzt Transportmöglichkeiten. Dies verbesserte sich noch durch die Direktverbindung nach Hamburg 1865. 1870 und 1873 folgten die Eisenbahnverbindungen mit Bad Kleinen nach Mecklenburg und nach Norden mit Eutin in Richtung Kiel. Lübeck war damit endlich von der drohenden Abschnürung befreit, wenn auch noch länger hohe dänische Zölle im Ostseeraum die Ein- und Durchfuhr verteuerten.

Waren somit durch die Bahnbauten neuzeitliche Transportwege nach und von dem Binnenlandgeschaffen, so blieb noch die Notwendigkeit de Verbesserung des Schifffahrtsweges zwischen Travemünde und Lübeck übrig. Bisher löschte man bei Schiffen, die aufgrund ihres zu großen Tiefganges damals noch nicht traveaufwärts bis in die Lübecker Stadthäfen gelangen konnten, Bohlen und Bretter bereits in Travemünde in Leichter und flößte die in der Regel aus Balken bestehenden Decksladungen nach Lübeck. Diese Balkenflöße verblieben dann in dem zum Hafen gehörenden "Stadtgraben" bis zum jeweiligen Verkauf der einzelnen Balken, die grundsätzlich im Wasser und nicht, wie Bohlen und Bretter, auf der Lastadie an Land oder in Ausnahmefällen in Lagerhallen gelagert wurden. Diese Verfahren änderten sich erst mit den Travekorrekturen der Folgejahre und der damit verbundenen vollen Schiffbarkeit der Trave bis nach Lübeck. In den Jahren 1850 bis 1845 und 1878 bis 1883 wurde der an verschiedenen Stellen gekrümmte Travelauf begradigt und vertieft, sowie die "Plate", die Sandbank vor Travemünde, ausgebaggert. Außerdem wurde die Wassertiefe um 1900 auf 8,5 m gebracht, so dass jetzt alle in der Ostsee verkehrenden Dampf- und Segelschiffe ohne Schwierigkeiten bis in den Lübecker Hafen gelangen und direkt beim Abnehmer gelöscht werden konnten.

Alle diese Verbesserungen kamen auch dem Holzimport zugute, der sich schnell aufwärtsentwickelte. Neue, ausgedehnte Holzplätze mit Lagerhallen und Bahnanschlüssen am "seetiefen" Gestade (Ufer)des Außenhafens wurden eingerichtet (zuerst an der Roddenkoppel und an Teilen der Vorwerker Wiesen, dem jetzigen Bereich von Krupp-Fördertechnik, vormals LMG/ O & K. und später bis zu den hinteren Vorwerker Wiesen), zumal auch durch den Eisenbahnbau Lagerplätze auf der "Lastadie" aufgegeben werden mussten ( Ausbau des "alten" Güterbahnhofes). Bald stand das Holz mengenmäßig an erster Stelle unter den Einfuhrgütern des Hafen, dessen westliches Ufer kilometerlange (beginnend von der "alten" Karlstraße / Struckfähre bis zum heutigen Vorwerker Hafen) Holzlager, -schuppen und Holzindustrie beheimatet.

Zum Vorteil des Lübecker Einfuhrhandels und im besonderen des Holzhandels wirkten sich ferner der Anschluss an den norddeutschen Zollverein aus, der 1869 die Zollschranken zwischen den dem Verein angehörenden Ländern beseitigte, sowie die 1871 erfolgte Einbeziehung Lübecks in das Deutsche Reich, wodurch eine einheitliche deutsche Zollpolitik möglich wurde. Als zum Schutz der aufstrebenden jungen deutschen Industrie Ende der siebziger Jahre Schutzzölle, darunter auch auf bearbeitetes Auslandsholz, eingeführt wurde, erkannt man bald, dass hier die Möglichkeit bestand, durch die Einrichtung von Hobelwerken für die Bearbeitung des zu niedrigen Zolltarifsätzen eingeführten unbearbeiteten Schnittholzes den Holzhandel zu fördern. Deshalb gliederten sich mehrere Lübecker Holzimporthandlungen eigene Hobelwerke an, so W. Brügmann & Sohn (1878 ); J. H. Havemann & Sohn ( 1883 ); Gossmann & Jürgens (1889) und später noch andere. Die Verbindung von Holzimport und Hobelwerk bewährte sich und trug nicht unwesentlich zur Umsatzsteigerung des Lübecker Holzhandels bei. Die ersten Ausstattungen erfolgten damals mit norwegischen Hobelmaschinen, weil die deutsche Industrie noch keine brauchbaren Modelle entwickelt hatte. Ebenso waren die damaligen Maschinenführer der ersten Tage aus Norwegen mitgekommen.

Den schnell ansteigenden Holzimport des Lübecker Hafens zeigen nachstehende Einfuhrzahlen:

 

1845

  16.800 t

1880

155.000 t

1860

  37.900 t

1888

213.900 t

1969

  53.700 t

1900

246.000 t

1870

  49.000 t

1905

303.000 t

1874

100.000 t

1910

348.000 t

1878

150.000 t

1913

402.000

 


(Die Einfuhrzahlen bis 1878 enthalten nur Bauhölzer/ Rohholz, danach auch Papierholz als Durchfuhrgut sowie Telegraphenstangen und Eisenbahnschwellen)

Am Ende der Periode der ältern Geschichte des Lübecker Holzimporthandels bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges stehen die Brandkatastrophen, die hauptsächlich den Lübecker Holzhandel betrafen und die wegen der Gemeingefährdung die ganze Stadtbevölkerung monatelang in Aufregung versetzte. Konnte im Herbst 1912 der Versuch einer Brandstiftung in einem Lagerschuppen der FA. W. Brügmann & Sohn noch rechtzeitig entdeckt und das Feuer bald gelöscht werden, so vernichtete dagegen im Mai 1913 ein angelegter Brand auf dem Platz der Fa. J. H. Havemann & Sohn an der Karlstraße große Holzvorräte, Lagerschuppen und Betriebseinrichtungen. Das Feuer griff auf den benachbarten Platz mit Lager und Holzschuppen der FA. W. Brügmann & Sohn über und richtete auch hier erheblichen Schaden an. Weitere Großbrände folgten bei den Holzfirmen H. F. Boldt, Grossmann & Jürgens, Gebr. Brill und nochmals bei W. Brügmann & Sohn auf einem zweiten Lagerplatz bis zum November des Jahres. Ferner scheiterten weitere Brandstiftungsversuche auf Holplätzen der Fa. John Merkisch und Emil Meyer in der Nähe des Hafens und an der anderen Stellen der Stadt und nochmals bei der Fa. Havemann & Sohn an der Karlstraße. Der Brandstifter wurde Ende 1913 gefasst und im folgenden Jahr verurteilt.

Diese Jahre vor dem Ersten Weltkriegen waren die Blüte des Lübecker Holzimportes. In diesen Jahren beschäftigten die großen Firmen während der Saison bis zu 500 Arbeitskräfte. Auch konnten die umfangreichen Brände des Jahres 1913 die Grundtendenz nicht beieinträchtigen, wohl aber die nachfolgenden Krisenjahre.

Bis zum Jahre 1913 konnte sich die Lübecker Holzwirtschaft im wesentlichen, sieht man einmal von der "Franzosenzeit" und der damit verbundenen Kontinentalsperre von 1806 den von Bismarck 1879 eingeführten hohen Schutzzöllen ab, die sich in den nachfolgenden Jahren sogar als industriefördernd auswirkten, ohne ernstliche Krisen stetig weiter entwickeln. Aber mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Auswirkungen begann eine längere, unlösbar mit der deutschen Gesamtwirtschaft verbundene, wertvolle Krisenperiode. Sie konnte nachhaltig erst einige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges überwunden werden.

Wie zur Zeit der Napoleonischen Kontinentalsperre wurde der Seehafenverkehr und damit die Holzeinfuhr in den Jahren 1914 bis 1918 fast völlig unterbunden. Die Bezüge aus Russland und Finnland, das damals noch zum Russischen Reich gehörte, setzen sofort aus und auch die Zufuhr aus dem neutral gebliebenen Schweden, schrumpfte bei schnell ansteigenden Preisen, Frachten, Versicherungen und Kursverlusten immer mehr zusammen. Die Holzlager Wie zur Zeit der Napoleonischen Kontinentalsperre wurde der Seehafenverkehr und damit die Holzeinfuhr in den Jahren 1914 bis 1918 fast völlig unterbunden. Die Bezüge aus Russland und Finnland, das damals noch zum Russischen Reich gehörte, setzen sofort aus und auch die Zufuhr aus dem neutral gebliebenen Schweden, schrumpfte bei schnell ansteigenden Preisen, Frachten, Versicherungen und Kursverlusten immer mehr zusammen. Die Holzlager waren bald stark gelichtet und die Holzfirmen mussten ihre Betriebe erheblich einschränken.

 

Die Entwicklung Lübecks als Holzumschlaghafen im überblick

War Lübeck im auslaufenden 18. Jahrhundert ein reiner Exporthafen für einheimische Hölzer, änderte sich diese Situation in einer Übergangsphase bis ca. 1850 in umgekehrter Weise. Lübeck entwickelte sich bis zum Ersten Weltkrieg zum größten deutschen Holzimporthafen. Neben dieser Grundentwicklung des Holzhandels in der Stadt, zeigt sich auch bei der Betrachtung der Holzhandelhäuser ein tiefgreifender Wandel. War Holz bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur ein Tauschhandel mit den nordischen Staaten, gründeten sich jetzt die Lübecker Holzhandelshäuser. über die Phase des Holz- und Teergroßhandels, Lübeck war zu dieser Zeit neben London der zweitgrößte Teerumschlagplatz der Welt, entstanden der reine Holzimport- und -großhandel für Roh-, Halb- und Fertigware. Durch die Zollpolitik des Deutschen Reiches im Jahre 1879 ergab sich eine weitere Entwicklung und Umwandlung in Handels- und Industrieunternehmen der Holzwirtschaft. Das importierte Roh- oder Schnittholz wurde jetzt nicht mehr nur weiterveräußert, sondern bearbeitet, sprich zugeschnitten und gehobelt. Grundsätzliche Veränderungen in der Struktur des Holimportes gab es anschließend nicht mehr, wohl aber in der Qualitätsverbesserung der Handelsware selbst, bis hin zum Holzendprodukt in der Form von endbehandeltem, beschichtetem Profilholz. In der heutigen Zeit der großen Baumärkte und des immer größer werdenden Kreises der Heimwerker verlangte der Markt diesen Wandel, so dass jetzt ca. 50 % der Ware über den Einzelhandel direkt an den Endverbraucher verkauft wird.

Abb.7

Abschließend ist noch zu vermerken, dass in den heutigen Jahren wieder ein Strukturwandel im Holzhandel stattgefunden hat. Zur Zeit überwiegt wieder der Holzexport. Jeder von uns hat die Halden an heimischen Rundhölzern auf der Wallhalbinsel gesehen, die für die skandinavische Papierproduktion verladen werden.

Der Autor dankt Herrn Karl-Wolfgang Eschenburg für die Zurverfügungstellung von Unterlagen und für Informationen über die Lübecker Holzgeschichte.

Volker Maas